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Lebensqualität

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Psychologische Betreuung

Es besteht kein Zweifel, dass bei zahlreichen Erkrankungen die Organtransplantation die einzige Möglichkeit einer lebensrettenden Therapie darstellt und wesentlich zur Verbesserung der Lebensqualität der Betroffenen beiträgt.

Allerdings zeigte sich, dass diese chirurgische Glanzleistung vielschichtige psychische Probleme in allen Phasen des Transplantationsprozesses mit sich bringt und somit die Lebensqualität der PatientInnen wesentlich beeinträchtigt. Unter Lebensqualität verstehen wir Klinische PsychologInnen eine angemessene Bewältigung und aktive Adaptation an die Bedingungen des (chronischen) Krankseins. Dies drückt sich u.a. in den Parametern „psychische Befindlichkeit“, „psychophysische Funktionstüchtigkeit“ sowie „berufliche und soziale Integration“ aus.

Nachstehend sollen die Phasen des Transplantationsprozesses und mögliche auftretende psychische Prozesse diskutiert werden:

1. Präoperative Zeit
Die Diagnosemitteilung und die nachfolgende psychische Auseinandersetzung mit der oft lebensbedrohenden Krankheit bedeutet für viele PatientInnen Schock, Angst, Verleugnung, Hoffnung und Verzweiflung und führt zu einer intensiven Auseinandersetzung mit existentiellen Fragen.
Werden die PatientInnen dann auf die Warteliste aufgenommen, beginnt für manche – wegen der zu geringen Organverfügbarkeit – oft ein Wettlauf mit der Zeit. Die Wartezeit ist für alle Betroffenen mit hohem psychischen Stress verbunden und bedeutet auch Konfrontation mit widersprüchlichen Gefühlen: Einerseits sind sie froh, auf der Warteliste zu stehen, andererseits bestimmt Angst ihr Leben, den Zeitpunkt der Transplantation nicht mehr zu erleben. In Zeiten physischer und psychischer Verbesserung entsteht Zweifel, ob die Entscheidung zur Transplantation richtig war; bei physischer Verschlechterung steigen Angst, Depression, Frustration und das Gefühl der Hilflosigkeit bestimmt abermals das Stimmungsbild der PatientInnen.

Weiters müssen sich die PatientInnen in der Wartezeit mit der Tatsache auseinandersetzen, dass ihr eigenes, krankes Organ durch das Organ eines hirntoten Spenders ersetzt wird. Die Konfrontation mit dem Tod des Spenders heißt für die Betroffenen aber auch Konfrontation und Umgang mit dem eigenen Tod.

2. Frühe postoperative Zeit
Wenn die Operation gut überstanden ist, erleben wir bei den meisten PatientInnen eine euphorische Reaktion, dieses Stimmungsbild dauert meist einige Tage, bis sie ihre Situation wieder realistisch einschätzen. Bei einem komplikationslosen Verlauf nimmt die psychische Stabilität rasch zu, die PatientInnen sind compliant hinsichtlich der Medikamenteneinnahme und Mobilisierungsmaßnahmen, das transplantierte Organ wird psychisch ins eigene Körperbild integriert.

Allerdings können in dieser Phase – wie in späteren Phasen auch – die Schattenseiten der Transplantation auftreten: Sobald Abstoßungskrisen oder neurologische Phänomene (wie z.B. Durchgangssyndrome oder Cortisonpsychosen) diagnostiziert werden, merken die PatientInnen, dass der Kampf ums Überleben noch nicht vorbei ist. Die gleichen psychischen Phänomene wie in der präoperativen Zeit treten wieder auf und beeinflussen abermals das Selbstvertrauen der betroffenen PatientInnen. Erst die Erfahrung, dass Komplikationen in den meisten Fällen medikamentös erfolgreich behandelt werden können, stärkt die Langzeitcompliance der PatientInnen wesentlich.

3. Späte postoperative Zeit
Das erste postoperative Jahr ist für die Transplantierten eine Phase der Neuorientierung. Parallel zur wiedergegewonnenen physischen und psychischen Leistungsfähigkeit müssen sich die PatientInnen jetzt mit der Rolle der chronisch Kranken auseinandersetzen. Sie müssen lernen, mit den Medikamenten-Nebenwirkungen zurechtzukommen, sie müssen mit der lebenslänglichen Abhängigkeit von der Klinik leben lernen.
Aus systemtherapeutischer Sicht ist es für manche PatientInnen notwendig, ihre Rolle im Familienverband neu zu definieren, Abhängigkeitskonflikte und sexuelle Probleme verlangen von ihnen und ihren Partnern ein hohes Konfliktlösepotential, Selbstkontrolle und die Bereitschaft, gemeinsame Probleme durch gemeinsame Anstrengung zu lösen.

PatientInnen, die nach erfolgreicher Rehabilitation wieder in ihren Beruf zurückkehren (wenn auch nur teilzeitbeschäftigt), berichten von einer Steigerung ihres Selbstwertes, der durch die berufliche und soziale Integration, sowie Arbeits- und Leistungsfähigkeit positiv verstärkt wird.

Daher ist die Annahme gerechtfertigt, dass eine erfolgreiche Organtransplantation – trotz möglicher Unzulänglichkeiten – die physische, psychische und geistige Lebensqualität der PatientInnen wesentlich verbessert.

Mag. Edith Freundorfer